Als das Telefon auf meinem Schreibtisch klingelt und die Nummer von Jerome Maupoint aufleuchtet, gehe ich davon aus, dass wieder spannende Tage vor mir liegen. Was wird Gin Gliders reisender Fotograph diesmal geplant haben? Um so interessanter für mich, da es immer um das Fliegen in den schönsten Gegenden geht. Wie sollte ich da nicht dabei sein? „Ey Mark, ich aber vor zum Lake District zu kommen, um ein paar Fotos zu machen!“ „Fantastisch, wann?“
„Ich möchte etwas Grünes in meinen Fotos haben, verstehst Du? Bist Du gesoart, ä? Du weißt schon, mit dem Wind!“
Ich schau aus dem regenverhangenen Fenster zum gegenüberliegenden Tal, wo Blencathra sein sollte. Vorbeijagende Wolkenfetzen streifen mein Blickfeld als würde ich aus dem Fenster eines vorbeifahrenden Zuges schauen.
„Oh ja, Jerome wir haben Wind. Sehr viel Wind. Komm nur hierher und wir werden einen windigen Spaß haben!“
Wir planen die ersten 10 Tage im Juni ein, da geht’s auf die Sommersonnenwende zu. Ich schreibe ganz fett, mit dem dicksten Filzstift den ich finden kann MARK FLYING auf unseren Wandterminkalender.
Es ist super im Gleitschirmgeschäft zu arbeiten: du kannst immer mit dem neuesten Material herumspielen und arbeitest mit Sachen die du einfach liebst, also der perfekte Job würde man annehmen. Das Problem ist, dass man vor Arbeit, die in den letzten Jahren enorm zugenommen hat, gar nicht mehr zum Fliegen kommt. Als wir versuchten den, Fotoshoot für Gin festzumachen, wurde mir klar, dass ich die 10 Tage als Arbeitszeit anrechnen könnte. Ganz aufgeregt über diese Aussicht begann ich Pläne zu machen. Jerome wollte ich zeigen, wie wunderschön es hier ist. Ich bin ein sehr stolzer Cumbrianer! Ich flog schon überall auf der Welt, aber dieses Land hier liebe ich. Das Fliegen hier ist grandios, aber ich wollte Jerome auch die anderen Seiten der Seen zeigen: die Leute, die Bauern, die Tiere, die hiesigen Sonderlinge und natürlich das Bier und die Pies. Ich wollte, dass er die richtige cumbrische Kultur kennen lernt. |
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Mittwoch,31.Mai
Zwei Monate später stehe ich in der Ankunftshalle des John-Lennon-Flughafens in Liverpool. Jerome kommt pünktlich an und am Nachmittag sitzen wir schon zusammen in meinem Auto. „Wenn ich ordentlich aufs Gas drücke, können wir um 17 Uhr am Startplatz sein. Der Seewind wird am Walla Cray anliegen!“ Ich erzähle ihm das während wir den M6 hochjagen und die dicken Wolkenstrassen bewundern, die in Richtung Pennies ziehen. Als wir anhalten verschicke ich ein paar SMS und arrangiere ein Treffen mit Patrick und Swanny.
Als wir uns dem Startplatz mit dem Auto von der Rückseite nähern, leuchten Jeromes Augen. „Eh, Marc, es ist genau so wie in Annecy,“ sagt er gleichzeitig erregt und erleichtert.
Walla hat perfekte Bedingungen, wir soaren sanft in der Seebrise, spielen ein wenig und wetteifern in der ruppigen Thermik. Wir freuen uns, obwohl wir gegen die einheimischen Bussarde mit unseren Flugkünsten schlecht aussehen. Wir fliegen raus über den Derwant Water und finden eine Konvergenz zwischen zwei Seewindkorridoren, die uns hoch über dem Wasser hält und uns laut auflachen lässt. Wir landen nahe bei den Autos und wir packen gemütlich zusammen. Der erste Flugtag mit bestem Wetter hat viele Piloten aktiviert und am Landeplatz in Castlerigg wimmelt es nur so. Kurz darauf sitzen wir im Pub und ich mache Jerome mit einem Pint von Jennings Cumberlan Ale bekannt, meinem Lieblingsbier.
„Das ist ein grosses Glas!“ Jeromes erstes Bier geht schnell runter, ebenso wie die Folgenden. Ich bemerke ein zustimmendes Nicken der Einheimischen in unsere Richtung. Der Kerl macht sich hier ganz gut.
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Donnerstag,1.Juni
Trotz der stechenden Sonne erwachen wir nur langsam. Als wir im Garten frühstücken, bläst der Wind bereits und wir begeben uns rüber nach Bewaldeth, einem kleinen Hügel nach Lake Distrikt Maßstäben, der zu Füssen der großen Berge liegt und perfekte Bedingungen aufweist, wenn Starkwind herrscht, so wie heute. Wir verbringen den Tag damit, in den unteren Etagen dieses Starkwindkorridors rumzualbern und gelegentlich mit den Böen zu spielen. Sobald sich der Wind etwas legt, soaren wir höher, überqueren den Einschnitt nach Binsey und entspannen uns dann im Sonnenuntergang.
Auf unserem Heimweg fühlen wir uns verpflichtet, Jerome mit einem Höhepunkt der alljährlichen regionalen Kulturveranstaltungen bekannt zu machen: Dem Keswick Bier Festival. 220 Fässer Freibier muessen getestet werden und das ist eine hervorragende Gelegenheit meinem französischen Freund einige Lokalcharaktere und wahre Kumberland Kultur vorzuführen.
Freunde stoßen zu uns und was folgt ist ein typisch englischer Pubcrawl, gefolgt von einem Mitternachtscurry. Schließlich stolpern wir nach einigen Sambucas, die aufs Haus gehen, aus dem indischen Restaurant und machen uns auf den 8 km langen Heimweg entlang der Bahnlinie. Mein Magen fühlt sich an wie ein Raumfahrzeug, dass mit der flüchtigen Mischung von Bier und Tikka Chili Masala gefüllt ist und ich rülpse wie ein Schwein, aber wenigstens kann ich noch gerade gehen. Es ist zu dunkel um ordentlich zu sehen, aber Jerome hat zweifelsohne leichte Schlagseite und kommt immer wieder vom weg ab und zwar in Richtung steiler Uferböschung des Flusses unter uns. Wir kommen Wohlbehalten zu Hause an, gerade als die Sonne aufgeht.
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